Keine Tierversuche mehr?

Tierversuche für die Schönheit – das galt immer als besonders verwerflich, grausam und überflüssig. Viele denken dabei an festgezurrte Häschen oder Katzen, denen Shampoos oder Lotionen in die rot entzündeten Augen getropft werden. Wer würde sich da nicht über das Gesetz freuen, das ab 11. März europaweit den Verkauf von Kosmetika verbietet, deren Inhaltsstoffe an Tieren getestet wurden? „Ein großer Sieg für alle Tierfreunde“, jubelt der Deutsche Tierschutzbund, der seit über 30 Jahren dafür gekämpft hat. Also: Vorher gab es Tierversuche, jetzt gar nicht mehr? Es ist komplizierter.

Fertige Kosmetika dürfen bereits seit 2004 in Europa nicht mehr an Tieren getestet werden – die deutsche Kosmetikindustrie verzichtet darauf tatsächlich schon seit 1989. 2009 wurde das Verbot allerdings noch entscheidend verschärft: Ab diesem Zeitpunkt wurden Tierversuche auch für Inhaltsstoffe in Kosmetika verboten.

Für eine Übergangsphase wurden jedoch einige Ausnahmen zugelassen: Denn bis heute ist nur im Tierversuch nachweisbar, dass eine Substanz beispielsweise weder krebserregend noch fruchtschädigend, also gefährlich für das Ungeborene ist. Wurden Tierversuche dafür außerhalb Europas durchgeführt, galt das Verbot für diese Tests bisher nicht. Aber auch das ist ab 11. März nun vorbei – die Übergangsphase ist abgelaufen.

 

„Die Hersteller wollen den Verbrauchern weiterhin neue innovative Produkte anbieten. Da sie neue Wirkstoffe nicht mehr absichern können, könnte es dazu kommen, dass sie solche Produkte nur noch außerhalb der EU auf den Markt bringen können“, sagt Birgit Huber, Sprecherin des Industrieverbandes Körperpflege- und Waschmittel (IKW), und nennt als Beispiel besonders lange schützende UV-Filter. Tierschützer aber verweisen darauf, dass der Beauty-Industrie doch bereits zehntausende genehmigte Inhaltsstoffe zur Verfügung stehen.

Einig sind sich beide Seiten jedoch darin, dass Tierversuche ein überholtes Instrument sind. Und dabei geht es nicht nur um Imageschäden oder Ethik: Ein Mensch ist nun mal keine Maus. Und längst wissen Wissenschaftler, dass Ergebnisse von Messreihen bei Tieren nur eingeschränkt auf den Menschen übertragbar sind. Heute gängige Alternativ-Verfahren zu früher üblichen Tierversuchen, etwa an menschlichen Hautmodellen aus dem Labor, zeigen viel genauer, ob ein Stoff etwa ätzend ist oder unter Sonneneinstrahlung schädliche Eigenschaften hat.

Doch nicht für alle vorgeschriebenen Tests gibt es Alternativen, die ohne Tiere auskommen – oder zumindest keine, die behördlich auf EU- oder gar weltweiter Ebene anerkannt sind. Und diese Anerkennung ist ein Verfahren, das oft viele Jahre in Anspruch nimmt. Denn die Alternativtests mit Bakterien, Hautmodellen und Ähnlichem müssen – so absurd es klingt – beweisen, dass sie ebenso „gut“ sind wie der Tierversuch, den sie ersetzen sollen.

„Bei der Entwicklung vieler Alternativmethoden war die Kosmetikindustrie sogar tatsächlich die treibende Kraft. Aber ohne das drohende Verbot wäre diese Entwicklung weitaus langsamer verlaufen. Schon dafür hat sich unser jahrelanger Kampf gelohnt“, erklärt Dr. Irmela Ruhdel vom Deutschen Tierschutzbund. Zudem mache das Gesetz den Verkauf von Kosmetika aus Ländern wie China unmöglich, wo es mit Tierschutz derzeit noch nicht weit her ist.

Denn in Europa – auch das muss man sagen – spielten Tierversuche für rein kosmetische Inhaltsstoffe schon vor dem Verbot kaum noch eine Rolle: Gerade mal 0,0125 Prozent aller Versuchstiere, vorwiegend Mäuse, fielen 2009 kurz vor der Gesetzesänderung noch in diese Kategorie. Und auch nur hierfür gilt das Verbot. Die meisten Inhaltsstoffe in Kosmetika wurden aber ursprünglich für Pharma- oder andere Industrien entwickelt und werden dort auch eingesetzt. Und in diesen Branchen sind Tierversuche nicht nur bis heute in Europa erlaubt, sondern vorgeschrieben.

Adresse der Quelle:

www.brigitte.de/

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